Der adoleszente Sohn einer guten Bekannten, nennen wir sie S., hatte jüngst einen Unfall. Details tun nichts zur Sache – die Zutaten waren jugendlicher Übermut, legale Stimulantien und ein Fahrrad; das Ergebnis hätte noch viel schlimmer sein können, wird aber als Denkzettel sicher für eine Weile ausreichen. Seis drum, das interessantere war eine Bemerkung von S. über Reaktionen aus ihrem Bekanntenkreis: Es habe sich nämlich, berichtete sie mir, bei den Männern, mit denen sie über den Vorfall sprach, ein Muster gezeigt: Nach erster Entrüstung – „Wie kann man nur so bescheuert sein“ – folgte in der Regel eine Denkpause, und dann der Kommentar: „Aber wenn ich darüber nachdenke, was wir früher so angestellt haben…“. WAS diejenigen in ihrer Jugend so genau angestellt haben, darüber legt sich meist gnädig der Mantel des Schweigens.

Nun passt diese Beobachtung gut zu einer These, die schon länger in mir zum Verhältnis zwischen Erwachsenen und Heranwachsenden vor sich hin reift. Warum stehen wir Erwachsenen regelmässig so fassungs- und verständnislos vor dem Verhalten pubertierender Jugendlicher? In Mode gekommen ist ja die Erklärung, dass das Hirn der jungen Menschen in dieser Phase starke Veränderungen durchmacht, quasi im Umbau befindlich sei, und daher die Betroffenen eben nicht ganz zurechnungsfähig wären. Aber diese Pathologisierung einer Lebensphase greift meiner Ansicht nach zu kurz. Eine mindestens ebenso große Rolle spielt – davon bin ich fest überzeugt – ein Mechanismus der Scham und Verdrängung in uns Erwachsenen selbst: Rückblickend ist uns unser eigenes Auftreten als Pubertierender derart peinlich, dass wir die übelsten Episoden aus dieser Lebensphase systematisch ausblenden und entsprechend wenig Empathie für akut Betroffene aufbringen. Natürlich entspringt diese Erkenntnis vor allem der Selbstbeobachtung, und damit es sich für mich ein bisschen weniger peinlich anfühlt, möchte ich Sie bitten, einmal mitzumachen und sich experimentell an Ihre Adoleszenz zu erinnern. Nicht nur die Dinge, die Ihnen sofort einfallen. Nein, lassen Sie sich 10 Minuten Zeit, oder helfen Sie mit der Lektüre alter Tagebücher oder Briefe nach. Wir waren schließlich alle mal jung, also genießen Sie das Wechselbad der Emotionen –  und betrachten Sie Jugendliche mit anderen Augen.